Frühe Hilfen
für Kinder und Familien

Soziale Frühwarnsysteme
in Nordrhein-Westfalen

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Aktuelles

Servicestelle zum 31.12.2009 eingestellt.

Die Servicestelle hat Ihr Beratungsangebot zum 31.12.2009 eingestellt. Die Tagungsdokumentation zur Abschlussveranstaltung am 26.3.2010 findet sich hier.

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Tagungsdokumentation

Die Vorträge und Thesenpapiere der Foren des Kongresses "Frühe Hilfen" am 26.3.2010 in Duisburg können jetzt herunter geladen werden.

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Fachtag Elternbesuchdienste

am 26.05.2010 in Köln
Umsetzung und Perspektiven in Nordrhein-Westfalen“
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Je eher, desto besser: Das "Frühwarnsystem" von Ibbenbüren

Von Marc Raschke

Wer nach dem Erfolgsgeheimnis von Ibbenbüren sucht, sollte an dem Tisch beginnen, an dem die fünf Männer an diesem Morgen im Rathaus sitzen. Nein, es ist kein runder. Er ist rechteckig und unheimlich lang. Ein Ungetüm. Einer dieser Tische, die dazu einladen, dass sich Streithälse gegenüber sitzen können, und die zu Hierarchien zwingen: Wer am Kopfende sitzt, hat das Sagen. Nicht so an diesem Morgen. Die fünf Männer, die im oberen Drittel des Tisches Platz genommen haben, schaffen es, dass jeder ungefähr gleich viel erzählt. Sie hören zu, nicken, wenn jemand anderes spricht, bestätigen sich, schätzen einander. Jeder trägt seinen Teil dazu bei. Eine Gesprächskultur, die sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen lässt. Schon gar nicht von irgendeiner Sitzordnung. So lässt sich denn auch arbeiten, gemeinsam. Und das ist für das Ibbenbürener Modellprojekt eines "Frühwarnsystems" in der Kindeserziehung auch Grundvoraussetzung.

Seit 2002 vernetzt die Stadt konsequent Kindertageseinrichtungen und Grundschulen mit erzieherischen Hilfen, um frühzeitig eingreifen zu können, ehe Kinder, wie zuletzt schlagzeilenträchtig in Bremen, Bochum oder Köln verwahrlosen oder gar misshandelt werden. Aber warum ausgerechnet Ibbenbüren? Das Jugendamt hatte hier seit dem Jahr 2000 festgestellt, dass die Kosten für erzieherische Hilfen und Förderleistungen immer mehr aus dem Ruder laufen, insbesondere bei den kostenintensiven stationären und teilstationären Hilfen wie etwa in Heimen und sonstigen betreuten Wohnformen sowie Tagesgruppen. In einer Arbeitsgruppe wurden sich Vertreter des Jugendamtes und von Trägern der freien Jugendhilfe in Ibbenbüren schnell einig, dass es so nicht weitergehen kann. "Damals ist die Erkenntnis gewachsen, dass, wenn wir diesen Entwicklungen vorbeugen wollen, viel stärker präventiv arbeiten müssen", sagt Jugendamtsleiter Benedikt Gröver, einer der fünf Männer am Tisch.

Zweifler überzeugt

Sein Sitznachbar, Heinz-Josef Hülsmann, der sich als Leiter der Erziehungsberatungsstelle beim Caritas-Verband dem Modell angeschlossen hat, ergänzt: "Je eher die Probleme benannt sind, desto eher kann man helfen und desto weniger Aufwand entsteht." Dies könne letztlich auch die Kosten im Rahmen halten. Ein wichtiges Argument, mit dem seinerzeit in Ibbenbüren vereinzelte Zweifler im Jugendhilfeausschuss und im Rat der Stadt überzeugt wurden. Denn eine Vernetzung und die Bereitstellung von Ressourcen wie Zeit oder auch Erziehungshelfern kostet zunächst einmal Geld - für das westfälische Ibbenbüren eine nicht unerhebliche Investition in die Zukunft. 2002 beschloss der Stadtrat, das Präventionsprojekt für die Dauer von zunächst zwei Jahren an zwei Kindertageseinrichtungen und der Ludgeri-Grundschule im Ortsteil Püsselbüren, einer Ganztagsschule, einzurichten. "Die Ausgangssituation war günstig, weil wir sehr weit waren bei der Umsetzung von Ganztagsschulen, auch im Vergleich zu Großstädten in Nordrhein-Westfalen", erklärt Thomas Güldenhöven, Leiter der Ludgeri-Grundschule, der an diesem Morgen ebenfalls mit am Rathaus-Tisch sitzt.

Sozialfachkraft als Erziehungshilfe

Aus eigener Initiative hatte Ibbenbüren bereits an einer anderen Schule ein Vorläuferprojekt im Sinne einer offenen Ganztagesschule gestartet, so dass die Umsetzung des Konzepts zügig vorangetrieben werden konnte. "Durch die Öffnung der Schule hin zu einem Ganztagsangebot bekamen wir natürlich auch eine bessere Möglichkeit, den Kindern und Familien zu helfen", sagt Güldenhöven und verweist auf die Hauptschulen, die bereits heute vielfach schon einen Schulsozialarbeiter gestellt bekommen: "In den Grundschulen sind die gleichen Kinder aus den gleichen Familien, nur eben jünger." Auch Heinz-Josef Hülsmann von der Caritas findet, dass Schulsozialarbeiter an Hauptschulen nicht ausreichen: "Die Hilfen kommen meist immer dann, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Das ist so ähnlich, als wolle man ein Haus bauen ohne richtiges Fundament." Als Konsequenz für Ibbenbüren konnte das nur eines bedeuten: Eine Sozialfachkraft aus der Erziehungshilfe mit kinder- und jugendpsychotherapeutischer Zusatzqualifikation, die jede Einrichtung pro Woche zwei Stunden lang besuchte, unterstützte von Projektbeginn an die Lehrer an der Ludgeri-Grundschule. Die junge Frau nahm an Teamsitzungen teil, baute Kooperationsnetzwerke auf, informierte Mitarbeiter und beriet sie bei individuellen Problemen einzelner Kinder. Das Jugendamt hatte nun ein Gesicht. Das Vertrauen wuchs rasch, bei Lehrern wie auch bei Eltern und Kindern.

"Wir reagieren sofort"

Ziel sei es zunächst einmal gewesen, so Jugendamtsleiter Gröver, die Probleme vor Ort richtig zu erkennen und einzuschätzen: "Wenn ein Kind beispielsweise nicht hören will, kann das ja auch erst einmal daran liegen, dass es hörgeschädigt ist und zum Ohrenarzt muss. Nicht alle Probleme sind gleich solche, die der Erziehungshilfe durch das Jugendamt bedürfen." Dies erleichtere eine sinnvolle Zuweisung der Hilfe entsprechend dem individuellen Hilfebedarf. Der Vorteil des Systems lag zudem in der Vernetzung von eh vorhandenen Informationen, die Grundschullehrer und Erzieher täglich im Umgang mit den Kindern sammeln. "Wir reagieren sofort auf das, was wir in Schule und Kindergarten wahrnehmen, und können dann auf die Eltern zugehen2, so Gröver. "Damit einher geht aber auch der Versuch, das Tabu, mit dem Erziehungsprobleme belegt sind, abzubauen", erklärt Georg-Friedrich Becker, pädagogischer Leiter der evangelischen Jugendhilfe Münsterland, der als Vierter im Bunde das Projekt unterstützt. Das Frühwarnsystem versteht er als eine Unterstützung und Förderung, die von Eltern nicht als Bedrohung und Infragestellung ihrer erzieherischen Fähigkeiten gesehen werden dürfe. Auch Volker Strothmann, der als erster Beigeordneter der Stadt Ibbenbüren alle Beteiligten für diesen Morgen im Rathaus zusammengetrommelt hat, hält das Angebot einer Erziehungshilfe aus Sicht der Eltern für sinnvoll: "Es baut ihnen eine Brücke. Schließlich mag es ja sein, dass es in der Schule bereits Konflikte etwa mit einem Lehrer gibt. Eine neutrale Person, die man um Rat fragen und die vermitteln kann, macht es Eltern da sicherlich einfacher."

Hemmschwellen beseitigen

Mit Blick auf Bedenkensträger in der kommunalpolitische Diskussion macht Strothmann auf zwei Hemmschwellen aufmerksam: "Sie müssen klar machen, dass Prävention langfristig Geld spart. Das ist eine These, die man zu Beginn der Planung nicht untermauern kann. Man muss sie entweder akzeptieren oder nicht." Die andere Hemmschwelle: "Es muss akzeptiert werden, dass an einer Schule zwar Pädagogen tätig sind, dass aber diese Lehrer eine andere Ausrichtung haben. Sozialfachkräfte, die zusätzlich an die Schule kommen, haben einfach einen anderen Blick haben und nehmen Kinder ganz anders wahr. Lehrer sind nicht per Ausbildung auf so etwas vorbereitet. Das ist also eine sinnvolle Ergänzung. Doch wenn das unterschwellig nicht erkannt wird nach dem Motto: "Das müssen die selber können, die sollen sich mal ein bisschen anstrengen, dann haben sie eine unüberwindbare zweite Hürde." Im Zusammenhang mit dem Frühwarnsystem entstand die Idee, den Kindern unmittelbar vor Ort in der Schule oder in Kindertageseinrichtungen zu helfen. "Den meisten Sinn macht es, wenn das Kind nicht irgendwo herausgenommen und speziell behandelt wird, sondern wenn das Thema im vertrauten Rahmen gezielt ausgegriffen wird", sagt Jugendhilfeleiter Becker. In Gruppen von acht bis zehn Kindern wird dann zum Beispiel soziales Verhalten eingeübt: Wie kommen wir miteinander klar? Wie tragen wir Konflikte aus, so dass jeder zu seinem Recht kommt?

Wissenschaftler begleiteten das Projekt

Daneben gibt es Intensivgruppe, in denen drei Kinder von einem Pädagogen betreut werden, der sich mit ihnen um schulische Dinge kümmert. "Wenn die Probleme entstehen, dann ist die Anfangsphase meist davon geprägt, dass die Schulleistungen nicht mehr stimmen", so Becker. "Das ist auch ein einfacherer Zugang als wenn ich sofort darüber reden muss, dass Mama schon wieder geschlagen hat. Es lässt sich eben besser über 21 durch 7 unterhalten als über solche Themen. Das ist ein Einstieg, der Rest ergibt sich." Begleitet und evaluiert wurde das Modellprojekt von Wissenschaftlern der Universität Bielefeld, die die beteiligten Lehrer und Erzieher sowie eine vergleichbare Kontrollgruppe am Anfang, in der Mitte und zum Ende des zweijährigen Projekts befragten. Die nachweisbaren Erfolge waren so überwältigend, dass der Stadtrat 2005 beschloss, das Präventionsprojekt auf alle Grundschulen und eine Sonderschule auszubauen. "Wir haben viele Kinder noch erreichen können, die uns ohne das Frühwarnsystem, ja man muss es sagen, entglitten wären", sagt Güldenhöven. Seiner Erfahrung nach sind die Eltern in der Regel froh, dass sich um die Kinder gekümmert wird. Etwa wie in jenem Fall, wo eine Mutter im Beisein ihres Kindes versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Der Vater ist Fernfahrer und damit kaum zu Hause. Hier griff das Frühwarnsystem. Eine Gruppe von Lehrern und Erziehern überlegt nun, wie dem Kind ganz konkret geholfen werden kann. Zugleich betont Güldenhöven jedoch eines: "Ich möchte dem Eindruck entgegentreten, dass wir alles reparieren können." Um das Netzwerk noch effektiver zu machen, wollen die Ibbenbürener nun ein Familienzentrum, alle Tageseinrichtungen für Kinder sowie Hebammen und Kinderärzte in ihr Früherkennungsnetzwerk einbeziehen. Mit Blick auf die Übertragbarkeit auf andere Kommunen stellt Jugendamtsleiter Gröver fest: "Das halte ich absolut für umsetzbar. Wenn man das will, lässt sich das umsetzen."

Den Orginaltext finden Sie <<hier>>.