Frühe Hilfen
für Kinder und Familien

Soziale Frühwarnsysteme
in Nordrhein-Westfalen

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«Erkennen - Warnen - Handeln»

Soziale Frühwarnsysteme sollen überforderten Familien helfen - Neben Kinderschutz auch Vermeidung von Folgekosten

Mirjam Mohr

AP 12.10.2006 16:10

Frankfurt/Main - Dennis, Jessica, Michelle und Kevin - diese Namen stehen für Fälle, die immer wieder Entsetzen auslösen: Kinder werden von ihren Eltern dermaßen vernachlässigt oder misshandelt, dass sie verhungern, an Entkräftung sterben oder den Folgen schwerer körperlicher Misshandlung erliegen. Besonders groß ist das Unverständnis, wenn wie im Fall Kevin aus Bremen die Behörden zwar Bescheid wissen, das System staatlicher Hilfe aber dennoch versagt. Modellprojekte sollen helfen, überforderte Familien in Problemsituationen frühzeitig zu unterstützen, um solche Probleme gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Unter dem Namen «Soziales Frühwarnsystem» hat Nordrhein-Westfalen 2001 mit dem Aufbau eines solchen Hilfesystems begonnen. Zu Beginn wurden sechs Modellprojekte gefördert, die so erfolgreich waren, dass das Land 2005 den flächendeckenden Ausbau beschloss, wie Erwin Jordan vom Institut für soziale Arbeit in Münster erklärt. Inzwischen bauen laut Jordan 28 Kommunen und freie Träger solche Unterstützungssysteme auf.

«Inhaltlich sieht das sehr unterschiedlich aus», erläutert Jordan. So arbeiten etwa in Gütersloh Jugendamt, Kinderkrankenschwestern und -ärzte sowie Kindertageseinrichtungen zusammen. Jede Familie wird bis sechs Wochen nach der Geburt des ersten Kindes von Kinderkrankenschwestern mit Zusatzausbildung etwa als Heilpädagogin besucht. Diese verschafft sich einen Überblick über die Situation in der Familie und steht für Fragen und Hilfe bereit. Daneben arbeiten Kindertageseinrichtungen, Kinderärzte und Gesundheitsamt bei der Gruppe der Kindergartenkinder zusammen. In anderen Kommunen arbeiten etwa beim Thema Schuleschwänzen Schulen und soziale Dienste Hand in Hand.

«Wichtig ist bei solchen Frühwarnsystemen, dass immer drei Bausteine ineinander greifen: Erkennen - Warnen - Handeln», erklärt Jordan. Zunächst müssten Probleme nach bestimmten Kriterien erkannt werden, dann sei aber vor allem wichtig, dass Stellen informiert würden, die Hilfe anbieten könnten. «Es nützt nichts, wenn ein Rauchmelder Warnsignale gibt, und niemand ist da, der sie hört», sagt Jordan. Danach müssten kompetente Helfer in einer verbindlichen Reaktionskette Unterstützung bieten.

«Der Fall Kevin hat mit solchen Frühwarnsystemen eigentlich nichts zu tun», sagt Jordan. Dort hätten die Probleme auf der Hand gelegen, aber die zuständigen Stellen hätten «gnadenlos versagt». Frühwarnsysteme sollten dagegen verhindern, dass solche Problemlagen überhaupt erst entstünden: «Man muss frühzeitig unterstützende Hilfe anbieten, die eine entlastende Funktion hat.» Es gehe um Partnerschaften mit Eltern, damit nicht erst später Probleme sichtbar würden, die dann nicht mehr zu beheben seien.


Frühförderung wirkt langfristig

Auf die Notwendigkeit solcher Hilfen verweist auch Norbert Struck von der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe. Gerade bei den kleinsten Kindern im Alter bis zu drei Jahren müsse man Zugänge finden, sagt er. Die Kassenleistungen für Hebammen sollten verlängert werden, damit zusätzlich qualifizierte Hebammen junge Familien länger gezielt unterstützen könnten. Ein verbessertes Krippenangebot könne Familien zusätzlich entlasten, beim Ausbau dieser Infrastruktur sei Deutschland aber noch sehr unterentwickelt, erklärt Struck. «Das sind alles Elemente, die Sinn machen.»

In Niedersachsen startet zum 1. November ein Modellversuch des Vereins «Pro Kind» zur Begleitung junger Familien. Dahinter steckt der Kriminologe und frühere niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer. Bei diesem Projekt, das sich an junge Familien in schwierigsten Verhältnissen richtet, sollen Familienhebammen die Mütter während der Schwangerschaft zu Hause besuchen. Nach der Geburt kommen Familienhelfer und beraten bei der Erziehung des Kindes, später sollen diese in speziell ausgestalteten Krippen- und Kindergartenprogrammen oder bei Tagesmüttern gezielt bis zum Schuleintritt gefördert werden. Daneben werden die Eltern in Eltern-Kind-Kursen geschult und bei der eigenen Ausbildung und Beschäftigungssuche gefördert.

Das Projekt wird in Braunschweig, Celle, Göttingen, Hannover und Wolfsburg umgesetzt, zum 1. Januar soll es auch in Bremen starten - das war bereits vor dem tragischen Fall des kleinen Kevin mit der inzwischen zurückgetretenen Sozialsenatorin Karin Röpke vereinbart worden.

Das niedersächsische Projekt soll nach Vorbildern in den USA wissenschaftlich begleitet werden. Pfeiffer verweist auf US-Ergebnisse, die zeigten, dass eine solche auf das Vorschulalter begrenzte Förderung Früchte trage: Die geförderten Kinder schnitten in der Schule besser ab als Vergleichsgruppen, mit 15 Jahren gab es bei ihnen weniger Verhaftungen und Verurteilungen, sie rauchten und tranken weniger und hatten seltener Drogenprobleme. Damit verursachten sie für den Staat auch wesentlich weniger Kosten als nicht geförderte Kinder. Ein langfristiges Projekt in den USA zeige, dass für jeden Dollar, der in den 60er Jahren in die Frühförderung gesteckt wurde, die Gesellschaft im Laufe der folgenden 34 Jahre 16,6 Dollar zurückerhalten hat.



(AP)

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